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Kloßartig!

Der Kloß soll für Deutschland stehen, die Unesco soll ihn als immaterielles Kulturerbe absegnen. So stellt sich das Sylk Schneider, Chef des Thüringer Kloßmuseums in Hechelheim bei Weimar, vor. Doch nicht alle sind von der Idee begeistert. Der Mann muss wohl noch viele Zweifler überzeugen.

 
Text und Foto: Beate Tyron

… Schneider hat sich an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die des Thüringers Leibspeise retten will. Und das geht so: Seit knapp einem halben Jahr sammelt er mit Gleichgesinnten Unterschriften. Die Forderung lautet: »Der Thüringer Kloß soll immaterielles Unesco-Weltkulturerbe werden.«
Ein Kloß als Weltkulturerbe? Geht das überhaupt? Theoretisch schon, sagt Dieter Offenhäuser, Sprecher der deutschen Unesco-Kommission. Er klingt ein bisschen hämisch. »Sie merken schon, was ich davon halte. Es geht schließlich um den deutschen Beitrag zur Weltkultur. Da gibt es doch Wichtigeres als einen Kloß, zum Beispiel die unterschiedlichen Karnevalstraditionen«, spricht Herr Offenhäuser mit unverkennbar rheinländischem Akzent.

Karneval hin – Kloß her. Bislang kann in Deutschland sowieso nichts, rein gar nichts immaterielles Weltkulturerbe werden. Zwar trat im April 2006 das »Unesco-Programm zum Schutz des immateriellen Kulturerbes« weltweit in Kraft. Deutschland hat die Konvention aber noch nicht unterzeichnet. Pech für den Kloß. Vorerst. »Kulturfragen sind in einem föderal organisierten Land eben schwierige Fragen«, sinniert Unesco-Sprecher Offenhäuser. Er meint damit, es wird noch reichlich Zeit vergehen.
Das immaterielle Kulturerbe bezieht sich auf Bräuche und Traditionen – die ideellen Kulturgüter also. Bisher sind 78 Nationen diesem Unesco-Abkommen beigetreten.
Kambodscha zum Beispiel stellte das Schattentheater der Khmer unter Schutz, Litauen seine traditionelle Kreuzschnitzerei, Malawi den Vimbuza-Heilungstanz oder die Mongolei ihr Volkslied Urtiin Duu. Sie gehören zu den weltweit 90 »Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Kulturerbes der Menschheit«, die es schon auf die offizielle Unesco-Liste geschafft haben. Und da will nun auch der Thüringer Kloß hin.

In Heichelheim hat Sylk Schneider gerade sein Mittagessen bestellt: Klöße. Dem uralten Rezept – zwei Drittel rohe Kartoffeln, ein Drittel gekocht, das Ganze kräftig gestampft – ist er seit Kindertagen verfallen. 1999 suchten sie in Heichelheim einen, der das Kloßmuseum aufbaut. Schneider bewarb sich mit einer Präsentation, die einen Kloß im Weltall zeigt. »Das hat den Leuten gefallen, seit acht Jahren bin ich dabei und habe nichts mehr als Klöße und Kartoffeln im Hirn.«

Für dieTraditionspflege holt Schneider jetzt stets und ständig seine Unterschriftenliste raus. Bisher haben sich fast zweitausend Leute eingetragen. Die Bewegung wächst. …Dass es in Deutschland an der Zeit ist, den Begriff »Kulturgut« endlich weiter zu fassen, meint zumindest die Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland« Gitta Connemann (CDU). Ein Kloß, warum nicht? In ihrem Wahlkreis habe sie schließlich auch die Idee unterstützt, die seltenen Knabstrupper – bekannt als Pippi-Langstrumpf-Pferde – zum Unesco-Kulturerbe erklären zu lassen. Erfolglos leider. Ebenso erging es dem Versuch, eine Kneipe in Berlin-Kreuzberg zum Weltkulturerbe zu adeln und in die Liste Deutscher Denkmäler aufzunehmen. Die Kneipe sei »Zeugnis noch bestehender, hoch entwickelter Trink- und Geselligkeitskultur«, hieß es in der wohl nicht ganz ernst gemeinten Begründung – via Internet nachzulesen.

Nun also ein Kloß. Immerhin: Unterschriften sammeln, ein richtiges Konzept entwerfen – in dieser Art ist die Initiative einzigartig in Deutschland, attestiert die Unesco-Kommission. Doch auf seinem Weg nach oben muss der Kloß erst einmal durch die Mühlen der Bundespolitik. Und allzu rund und schön wird er da nicht rauskommen, so viel steht jetzt schon fest. Einen gewissen Ratifizierungs-Druck verspürt zwar der SPD-Abgeordnete Steffen Reiche, Mitglied im Kulturausschuss. Aber das mit dem Kloß sei wohl eher »ein plumpes Missverständnis«. Ratifizierung ja – Kloß nein. »Ich habe schon viele Klöße gegessen, was soll daran bitteschön immateriell sein?« Selbst die oppositionelle Linkspartei winkt ab. »Wahrscheinlich wäre als deutscher Beitrag zum Weltkulturerbe das Biertrinken geeigneter«, sagt prompt die thüringische Bundestasgabgeordnete Lukrezia Jochimsen.

Aus dem Drucker in Sylk Schneiders Büro, eine zugige Schreibtischecke gleich hinterm Eingang zum Kloßmuseum, flattern die ersten Seiten seiner Denkschrift »Immaterielles Weltkulturerbe. Chancen für Thüringen«. Hier formuliert Schneider seinen zweiten großen Plan: Mit dem Kloß könnte das nahe gelegene Weimar gleich Sitz einer Bundesagentur für immaterielles Weltkulturerbe werden und deutschlandweit die ideellen Kulturgut-Geschäfte lenken. »Die Stadt ist schon gesegnet mit zwei Kulturerbestätten – Bauhaus und Weimarer Klassik. Beide wirken nicht nur durch ihre Gebäude, also das Materielle, sondern hauptsächlich durch ihren Geist, ihre Ideen«, fabuliert Schneider. Gastwirt Kästner, das verrät Schneider auch schon mal, tüftelt in der Küche der Heichelheimer Mühle bereits an einer technischen Vorrichtung zur Herstellung quadratischer Klöße – gewissermaßen als kulinarische Brücke zur Bauhaus-Philosophie. Kloßartig, oder?

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