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  TEXTE VON LESERN - Reisebericht
 


Wasserland
Eine Reise durch Bangladesh


Von Saskia Buschner

 
Bangladesch ist ein feuchtes Land. Nicht nur, dass es wasserreich ist, es besteht förmlich aus Wasser. Fliegt man von Indien südöstlich nach Bangladesch, sieht man zunächst einen großen Fluss, der sich
träge durch das flache Land windet, dann noch einen, einen größeren, der sich vorbei schlängelt an kleinen und größeren Seen, riesigen Wasserflächen mit kleinen Inseln und an immer mehr Wasserläufen. An diesem dunstigen Morgen hat das Wasser eine schlammbraune Farbe aber später werde ich feststellen, dass es alle Schattierungen von schmutziggrau über ockergelb bis schattig - grün bietet. Irgendwann sieht man winzige Hütten zwischen dem immer üppiger werdenden Grün auftauchen. Kurz bevor das Flugzeug landet dann die ersten Häuser von Dhaka. Auch hier überall Wasser, zwischen den Häusern, links und rechts der Straße, auf den Feldern.
Der Flughafen ist klein und übersichtlich. Ich gehe hinaus in die tropischfeuchte Hitze, hinter der Absperrung, die mich jetzt noch von der Fremde trennt, drängen sich Menschen, suchende, hoffnungsvolle, fragende Augen.
Im Auto ist es noch heißer. Wir fahren vorbei an Palmen, Müllhalden, Reisfeldern, die gerade bestellt werden, durch Gärten und an Märkten entlang. Das ist also Bangladesch. Ist es anders? Sieht es nicht genau so aus wie auf jeder Fahrt vom Flughafen nach irgendwo hin?
Ich versuche mir vorzustellen, wo auf der Weltkarte ich mich exakt befinde, am Golf von Bengalen, zwischen Indien und Burma, am Mündungsgebiet von Ganges und Brahmaputra. In diesem noch junges Land, das erst 1971 seine Unabhängigkeit von Pakistan erreichte, leben 130 Millionen Bangladeschis auf 147.570 km2. Stürme, Fluten und der Monsun haben das Land und seine Bewohner geprägt. Nichts ist von Bestand; der Lauf von Flüssen ändert sich, der Wasserspiegel steigt und sinkt, wo heute noch eine große Insel war, ist im nächsten Jahr vielleicht nur noch Wasser. Wälder verschwinden, fruchtbare Felder entstehen. Innerhalb der nächsten Wochen werde ich beobachten, wie das Wasser immer weiter sinkt, Felder freigibt und Fähren trocken fallen lässt.
Völlig übermüdet komme ich in das Zimmer, was für die nächsten drei Monate mein Zuhause sein wird. Ein Fenster, ein Regal, ein Moskitonetz. Ich falle ins Bett, das nach Moder riecht, der Schweiß rinnt auch wenn ich mich nicht bewege. Die kalte Dusche ist schon nach zehn Minuten nur noch eine vage Erinnerung. Ich schlafe bleiern und träume wirr. In den nächsten Tagen gewöhne ich mich an das scharfe Essen, den Zeitunterschied und vor allem an die neue Kleidung, die Shalwar Kamees, eine Kombination aus einer weiten Hose und einem lockeren Kleid. Über der Schulter trägt frau hier außerdem einen langen, luftigen Schal.

Am Freitag fahren wir hinein nach Dhaka. Die Stadt ist am Wochenende nicht ruhiger, der Verkehr chaotisch, die Straßen staubig. Dhaka ist bekannt als DIE Stadt der Rikschas. Einige tausend konkurrieren hier täglich um Fahrgäste.
Zunächst einmal muss man sich irgendwie auf dem schmalen Sitz plazieren, dabei aufpassen, dass sich weder das Kleid noch der Schal in den Speichen verfängt. Die Tasche wird auf dem Schoß fest gekrallt und möglichst bedeckt gehalten, damit kein Dieb auf dumme Gedanken kommt. Scheint die Sonne von vorn, wird das Verdeck hoch geklappt, was für Kleinwüchsige konzipiert scheint, so dass selbst ich den Kopf einziehen muss. Tritt dann der Fahrer kräftig in die Pedalen, hoppelt das Gefährt über die schlechten Straßen. Man wird nach links und rechts geschleudert, fliegt mal kurz durch die Luft, stößt an das Verdeck.
Frauen, die regelmäßig auf dieses Transportmittel zurück greifen, haben vermutlich keine Probleme mit Cellulitis, denn Rikschafahren fordert die gesamte weibliche Muskulatur von der Hüfte abwärts. Muskelkater ist vorprogrammiert. Auch in einem der zahlreichen Rikschastaus sollte man nicht locker lassen, denn die Fahrer haben die Angewohnheit, sich gegenseitig in die Hinterachse zu fahren.
Wird eine Straße gekreuzt, kann man nur noch auf eine höhere Macht hoffen, die dieses Chaos irgendwie unter Kontrolle hat. Der Lärm ist ohrenbetäubend, hupen, schreien, klingeln pfeifen,... Wie schafft es der Fahrer nur, sich immer wieder durch schmalste Lücken zu schmuggeln, gerade noch vor dem Lastwagen die Straße zu queren, nicht mit einem Rad in der tiefen, offenen Kanalisation zu landen, den vielen Fußgängern auszuweichen?
Wenn ich überhaupt noch Nerven habe, etwas außer meiner Todesangst, den Prellungen und der unerträglichen Hitze unter meinen Kleiderschichten wahrzunehmen, so ist das der braune Nacken des Rikschafahrers, dessen angespannte Muskeln sich unter der Haut abzeichnen. Er lehnt sich weit nach links und rechts um in die Pedalen zu treten, klingelt, ruft, drängelt. Er hat eine große schlecht verheilte Wunde an seinem sehnigen Fuß, sein zerrissenes Hemd klebt ihm am Körper, Schweiß rinnt hinter seinen Ohren hinab. Erst am Abend wird er wieder etwas trinken können, wenn der Gebetsrufer das Ende der Fastenzeit ankündigt.

Aber selbst in der Millionenstadt Dhaka findet man ruhige Parks, Bänke, Liebespaare, Bäume, blühende Büsche, türkisgrünes Wasser mit badenden Kindern. Einige Meter weiter der New Market. Hier gibt es alles, was man braucht oder auch nicht. Es ist voll, eng, laut und bunt. Wir kaufen Papier, Schuhe und Stoff, zwischendurch ein Mangosaft in einem eiskalt klimatisierten Caf: SPäter gehen wir in das teuerste Kaufhaus der Stadt - Arong. Kleider, Schmuck und Nippes gibt es hier in kühlen Räumen mit vielen freundlichen Verkäuferinnen. Vom Caf In der dritten Etage hat man eine gute Aussicht auf den brodelnden Verkehr, in der Ferne sieht man das moderne Parlamentsgebäude. Eine Stunde darf man sich hier aufhalten, nicht länger, so geht es aus einem offiziell aussehenden Aushang hervor. Dann kommt auch schon der Kellner mit der Rechnung.

An den Abenden wird nur langsam kühler. Die Nacht fällt auf die Stadt wie ein schwarzes Tuch und plötzlich, kaum sind die Gesänge der Gebetsrufer verhallt, stehen überall auf den Straßen und in den Geschäften essende Menschen. Die Restaurants und CafS lüften ihre Vorhänge für die hungrigen Gäste. Puffreis, Datteln, frittiertes Gemüse und natürlich das lang ersehnte Wasser gehören zum Iftaressen, der Mahlzeit zur Zeit des Fastenbrechens im Monat Ramadan. Schon seit dem frühen Nachmittag haben die Händler ihre Stände mit den verlockenden Köstlichkeiten an den Straßenrändern aufgebaut. Jetzt sind nur noch wenige Reste zu haben. Dies ist die Zeit, in der sich die Stadt für einen Moment entspannt. Man lehnt sich zurück, genießt den ersten Schluck Wasser, den ersten Bissen nach dem langen Tag. Mit strahlenden Augen bietet man uns süße Datteln an. Kleine Kinder gehen mit Plastiktüten von Geschäft zu Geschäft und sammeln Essbares, klauben die Reste zusammen.
Viele Menschen leben auf der Straße, angewiesen auf das, was die Vorübergehenden ihnen bereit sind zu geben. Frauen mit kleinen Kindern, Alte, Verkrüppelte. Auf der Fußgängerbrücke sitzt ein alter Mann, der keine Hände mehr hat, er hält die beiden Stümpfe hoch, die Augen geschlossen. Immer wieder liegen Menschen, wie Kleiderbündel, an belebten Stellen oder in Parks. Man hört ihre Stimmen schon von weitem: "Allah! Allah!".
Drei Wochen später höre ich in der Morgendämmerung die Rufe von der nahe gelegenen Moschee "Eid Mubarak! Eid Mubarak!". Die Fastenzeit ist zu ende und der Tag des großen Festes ist angebrochen. Die Stadt ist ruhig und ich warte eine halbe Ewigkeit auf einen Bus. Irgendwann erbarmt sich ein junger Bangladeschi meines etwas verloren wirkenden Anblicks und verfrachtet mich in den richtigen Bus. Ich sitze zwischen festlich gekleideten Frauen auf der engen Bank neben den Fahrer. Gegenseitig betrachten wir uns neugierig und verstohlen. Die ein oder andere fährt mit dem Finger über meine weiße Haut und sagt "Shundor! - Schön!". Helles Haar und weiße Haut gelten hier als Schönheitsideal. Blasse Schönheiten werben auf großen Plakaten für Kaffeesahne und Gesichtscreme.
Ich kaufe ein Päckchen "Mischti", jene zuckerigen Süßigkeiten, die in Bangladesch bei keiner Feier fehlen dürfen. Dann treffe ich Nupur, die mich zu ihrem Haus führt. Wir sitzen in dem großen Wohnzimmer, der Fernseher läuft, das Essen wird aufgetragen. Es gibt Hackfleischbällchen, Kichererbsensalat, süßen Reissalat und aromatischen Reispudding. Besucher kommen, trinken einen Tee, essen eine Kleinigkeit und gehen dann wieder. Wir sprechen über das Leben in Asien und Europa. So vergeht die Zeit bis zum nächsten Essen; Gewürzreis, gebratene Zucchini, in Limonen eingelegte Zwiebeln, Rindfleisch in Ingwer und Joghurt, scharfes Hühnchen, die Frauen der Familie haben vermutlich die letzten Tage in der Küche verbracht. Schade, dass ich viel zu schnell satt bin.

Irgendwann muss ich dann einfach mal raus aus der Stadt, weg von dem Lärm, dem Gestank und dem Trubel. Wir fahren mit dem Boot in die Sundarbans, das größte Mangrovensumpfgebiet der Erde und einer der schönsten Landstriche in Bangladesch.
Als wir aufstehen, ist es noch dunkel. Wir schälen uns aus unsere schmalen Betten, sitzen später mit einer Tasse Kaffee auf dem Oberdeck und sehen zu, wie sich der Horizont langsam rötlich färbt. Es ist kühl, die Wasserfläche ist unbewegt und spiegelt den Dschungelstreifen wieder. Von hier aus wirkt das Dickicht undurchdringlich, kompakt, bedrohlich und schön zugleich. Ein steter Strom von Geräuschen dringt zu uns herüber, Insektengezirpe und Vogellaute.
Der Morgennebel schleicht in kleinen Schleiern über das Wasser, als wir mit einem kleinen Boot in einen der Seitenarme fahren. Ein Otter huscht erschrocken zurück ins Dickicht, Insekten umschwirren das Boot, eine große Echse sitzt auf einem Ast, unbeweglich. Große Luftwurzel hängen über dem Wasser, darunter glibbern Kaulquappen über den schlammigen Uferstreifen. Wir passieren ein großes Boot, das mit Jute voll geladen ist. Am unteren Bootsrand hängen große geschnürte Bündel zum wässern. Ein Mann balanciert darauf entlang und zurrt die Leinen fest. Er gehört zu einer Gruppe von Arbeitern, die auf dem Hausboot wohnen, das nebenan fest gemacht ist. Sie sind gerade aufgestanden, binden sich ihre Lungis und schlürfen den ersten Tee. Langsam geht die Sonne auf. Eisvögel fliegen hin und her und im grünen Blättergewirr blitzen farbenprächtige Blüten auf.
Am Nachmittag fahren wir zu einer Anlegestelle und laufen hinein in das flache Grasland, das sich hinter dem Uferdickicht vor uns auftut. Das Gras reicht uns stellenweise bis an die Schulter. Wir folgen dem schmalen Weg Libellen und riesige Schmetterlinge taumeln durch die milde Luft. Der Himmel ist von einem durchsichtigen Blau, das Gras und die Bäume haben einen goldenen Schimmer. Wir kommen an einen schmalen Baumgürtel, hinter dem das Meer liegt. Der breite Sandstreifen ist mit kleinen Muscheln bedeckt, Quarzpartikel glitzern in er Sonne. Die Flut hat gleichmäßige Wellenmuster auf dem Sand hinterlassen. Clare geht schwimmen in dem flachen, sandigen Wasser, hinter ihr springen fliegende Fische durch die Luft. Die Sonne ist gleißend, ihre schmale Silhouette bildet einen scharfen Kontrast zu der funkelnden Wasserfläche. Entspannt lasse ich die letzten Wochen Revue passieren. Es gibt so viele Dinge, die ich nicht vergessen werde.
Der Abend im Studentenwohnheim, Champa, die sich konzentriert über meine ausgestreckte Hand beugte. Blumengirlanden, kleine Dreiecke und Kringel entstanden auf meiner Haut. Auf einem der Computer lief eine Bollywoodromanze. Einmal schrien die Frauen kurz auf, als eine Ratte durchs Zimmer huschte. Dann erzählten sie weiter, von ihren Träumen, ihrer Arbeit und ihren Familien. Ich saß noch lange mit erhobenen Händen, um die Hennapaste trocknen zu lassen, und hörte ihnen zu.
Oder die Einladung zur Gaye Halud, der Feier am Vorabend einer Hochzeit. Auf der Einladung war der Kleidercode für Frauen angegeben: gelbe, rote oder grüne Sari. Zwei Frauen waren eine ganze Weile damit beschäftigt, zunächst eine passende Sari auszuwählen und mich dann in die fünf Meter Stoff zu wickeln. Ich wurde gekämmt und angemalt, nur bei den Churi, den bunten Armreifen, mussten sie aufgeben, sie passten einfach nicht über meine Hände, so sehr sie meine Knochen auch zusammen quetschten.
Ich bewegte mich vorsichtig in dieser ungewohnten Kleidung, ständig darauf bedacht, nicht auf die Stoffzipfel zu treten. Das ganze Haus war von Lichterketten erleuchtet und mit Blumengirlanden geschmückt. Auf dem Dach des mehrstöckigen Gebäudes war ein buntes Zelt aufgebaut. Die Braut wurde von jungen Frauen herein geführt und auf einem Podest plaziert. Nach und nach traten alle Gäste heran, fütterten sie mit süßem Reispudding und malten sich und der Braut kleinen Klecks Turmericpaste auf die Stirn. Zwischendurch wurde das Buffet aufgetragen und junge Mädchen und Frauen trugen Tänze vor. Ich sah dem quirligen Treiben zu, den tanzenden Mädchen, den älteren Frauen in schönen Saris, dazwischen spielende Kinder.
Manchmal fuhren wir auch in den Australischen Club, ein Ausflug in die westliche Lebenswelt. Am Eingang wurden wir mißtrauisch beäugt, dann gingen wir über einen sauber gefegten Weg, der zwischen dem getrimmten Rasen zur Bar führte. Der Swimmingpool schimmerte im Neonlicht, auf dem hell erleuchteten Tennisplatz wurde noch gespielt. Bis spät in die Nacht saßen wir auf bequemen Gartenmöbeln unter eilig rotierenden Ventilatoren und redeten über alles und nichts. Das Bier wurde schnell warm und die Gläser beschlugen. Ich dachte an den Kontrast zwischen mir hier, satt und faul und den Menschen, die ich heute auf dem Weg hierher bei ihrem täglichen Kampf ums Überleben gesehen hatte. Das Bier schmeckte schal.

Ich bin noch tief in Gedanken, als wir Stunden später zur Anlegestelle zurückkehren, Muscheln in den Taschen, Sand in den Haaren. Das Boot fährt zurück Richtung Dhaka.

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