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TEXTE VON LESERN - Papagei |
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Kurzgeschichte
Capuccino mit einem dicken Papagei
Von Winfried Rohde
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Vielen von uns ist es wohl schon einmal so oder ähnlich ergangen.
Man schlendert durch belebte Straßen und entdeckt im Getümmel der Passanten plötzlich einen guten Freund. Freudig erregt pirscht man sich heran und erkennt im letzten Moment seinen Irrtum
gerade kurz bevor man einem Fremden auf die Schulter haut.
Bestenfalls bemerkt das Opfer nichts von der drohenden Attacke.
Wenn doch, stammelt man irgendwelche Entschuldigungen und macht sich verschämt aus dem Staub. Im schlimmsten Fall gibt es eine aufs Maul.
Ich bin da ein gebranntes Kind.
Kürzlich versuchte mir ein junger Mann 50 Euro aufzudrängen, die er sich angeblich am Vorabend von mir geborgt hatte. Er hätte es nicht nötig, sich von jemandem etwas schenken zu lassen, schon gar nicht von mir.
Widerwillig nahm ich schließlich das Geld.
Opfer eines besonders drastischen Verwechslungsfalles wurde ich vor wenigen Tagen in Potsdam. Ich saß auf der Terrasse des Cafe Heider und genoss bei einem Capuccino die wärmenden Strahlen der Abendsonne, als ein kugelrunder Mann mittleren Alters zielstrebig meinen Tisch ansteuerte.
"Heiner", rief er schon von weitem. "Das ist aber eine Überraschung. Ich dachte, du alter Schlawiner lebst gar nicht mehr."
Ich starrte dem Ankömmling mit offenem Mund entgegen. In seinen grünen Bermudashorts und dem gelbrot gestreiften T-Shirt erinnerte er mich an einen gut genährten Papagei.
"Hast du denn deinen alten Kumpel Harry total vergessen?"
"Entschuldigung, aber...", setzte ich zu einer Erwiderung an.
"Da bin ich baff. Erzähl, wie geht es dir?", fiel mir der Papagei ins Wort und schlurfte in seinen Badelatschen die letzten zwei Schritte bis zu meinem Tisch.
"Heute beim Frühstück haben wir erst über euch gesprochen. Wie gehtS Elfi?"
Ich schluckte zwei, drei Mal.
Dann teilte ich Harry mit, dass ich Elfi vor einigen Monaten mit Arsen vergiftet und sie unter ihrem Lieblingsbaum im Garten begraben habe.
Der kugelrunde Papagei sah mich kurzzeitig etwas irritiert an, um gleich darauf in schallendes Gelächter auszubrechen. Er klatschte sich begeistert auf die Schenkel, während er an meinem Tisch Platz nahm.
"Bestimmt unterm Birnbaum", prustete er heraus.
"Klaps Liebling, sehr schmackhaft", sagte ich fachmännisch.
Harry rang nach Luft. "Immer noch der Alte", wieherte er mehrfach heraus.
"Wir sind nämlich gestern erst ausm Urlaub gekommen", sagte er japsend. "Jetzt machen wir bei Evi Station. Da haben wir gleich anständig einen auf die Zwillinge zur Brust genommen.
"Welche Zwillinge?", fragte ich, nun meinerseits leicht irritiert. Hatte ich Harry unterschätzt?
"Hab ich dir doch geschrieben. Evi, unsere Älteste, hat vorm halben Jahr Zwillinge gekriegt."
"Gratuliere herzlich. Man wird doch immer vergesslicher.", sagte ich erleichtert.
"Übrigens", nuschelte Harry und kramte umständlich in seinem Brustbeutel herum, "unser Urlaub in Kalifornien war total geil." Er beförderte einen Stapel Fotos zu Tage.
Ich bestellte vorsorglich zwei große Capuccinos. Harry ließ sich dazu in regelmäßigen Abständen einen Weinbrand kommen.
Schon nach dem dritten Bild wusste ich recht viel über den Strand von Santa Monica, über Harrys Strandnachbarn, sein Hotel und seine Trinkgewohnheiten.
"Also, da lassen sich die Amis nicht lumpen", schwärmte mein kugelrunder Papagei.
"Zu Deutschland ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die tragen einem die Klamotten an den Strand, bringen dir das Frühstück ans Bett und besorgen sogar Nen Kasten Pils."
Mein neuer Bekannter kippte den nächsten Weinbrand herunter.
"Haste übrigens unsere Karte gekriegt?"
Ich verneinte.
"Schweinerei", erregte sich Harry.
"Jawohl, Schweinerei", ereiferte auch ich mich.
"Kostet natürlich alles extra Knete", fuhr der Amerikaurlauber in seinem Bericht fort.
"Aber Urlaub is Urlaub. Da pfeif ich auf die paar Kröten. Und wir hatten Sonne pur, von morgens bis abends."
Ich nickte verträumt und bekam Sehnsucht nach Warnemünde.
Guck mal hier", riss Harry mich aus meinen Träumen und hielt mir das nächste Foto unter die Nase. Es musste nachts entstanden sein, denn ich erkannte verschwommen meinen neuen Bekannten mit einer Bierflasche in der Hand, beleuchtet von zwei Lampions.
"Da ham wir ne Dampferfahrt gemacht, bis nach Mitternacht. Ich sag dir, das war ne Wucht. Da hast du alles gekriegt: Schnaps, Bier, Schampus und sogar Weiber, wenn du wolltest. Bloß ich konnt ja nicht, weil Heidi mit war."
Langsam ging mir mein Papagei doch ein wenig auf die Nerven. Und immer noch lagen mindestens zehn Bilder auf dem Tisch.
"Heidi beim Baden", erläuterte er und deutete auf das nächste Foto.
"Schicker Bikini", erwiderte ich.
"Warste dies Jahr schon im Urlaub?", fragte Harry während eines Bilderwechsels.
"Nein", antwortete ich, "wir waren dieses Jahr nicht weg und fahren auch nie wieder irgendwo hin. Davor waren wir in Wladiwostok, Elfi und ich."
"Kenn ich nicht."
"Elfi?"
"Ne, Wladi ..., Wladidingbums."
Ich kam immer besser in Fahrt.
"Da hat ihr ein sieben Meter langer Hammerhai das rechte Bein abgebissen."
Der Papagei starrte mich entgeistert an.
"Seit dem gibst keinen Urlaub mehr, schon gar nicht am Meer."
Jetzt hatte ich die Initiative an mich gerissen und ich war wild entschlossen, sie nicht mehr abzugeben. "Übrigens freue ich mich, dass es mit dir und Heidi wieder so prima klappt."
"Wieso?", fragte Harry mit großen Augen.
"Na ja, ich will keine alten Wunden aufreißen", sagte ich vorsichtig.
"Welche Wunden?" Harry schrie fast.
"Ich meine Heidis Affäre mit dem Gemeindepfarrer. Da hat doch die ganze Stadt drüber getuschelt."
Harrys Blick wurde außerirdisch, sein Kehlkopf hüpfte unkontrolliert auf und ab.
Er tat mir plötzlich leid.
"Entschuldigung", sagte ich mit ernster Miene, "ich muss mal schnell zur Toilette."
Als ich die Terrasse wieder betrat, war mein dicker Papagei davongeflogen.
Ich schlürfte meinen Capuccino zu Ende, bezahlte und schlenderte zufrieden in mein Hotel.
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