+++ 23.11.2007 Bestellungen für den Günter-Rössler-Kalender 2008 bitte formlos per Mail an DAS MAGAZIN (siehe Kontakt) oder Telefon: 030/ 48496230. Das gute Stück kostet 36 Euro zzgl. 6 Euro Versand. Adresse und gwünschte Zahlunsgweise bitte angeben. +++  
  stefan schwarz
   
Silvesterleiden (Leseprobe aus Heft 12/2007) Bei uns wird Silvester noch seinem Namen gerecht. Langweiliger kann es beim Papst Silvester am letzten Tag des Jahres auch nicht zugegangen sein. Der ist nicht umsonst am nämlichen Datum gestorben. Vermutlich, weil wieder nix los war. Sein Sterben – ein letzter Versuch, dem Jahresausklang anno 335 doch noch etwas Pepp zu verleihen. Ich kann das nachfühlen.
Denn obwohl das Jahresende auch für so ziel-, missions- und absichtslos dahinwohnende Subjekte wie mich ein beträchtliches Maß an Absehbarkeit bereithält, werde ich alljährlich so etwa Mitte Oktober von der Frage »Was macht ihr eigentlich Silvester?« komplett geplättet und um mein selbstbestimmtes Silvester gebracht. Sehr weit vorausplanende Menschen stellen diese Frage sehr weit im Voraus, und die Antwort darauf erfreut sich nicht sonderlich vieler Alternativen. Heuchelt man Unentschlossenheit und feiert später fremd, überzieht eine Kaltzeit das Beziehungsgeflecht. Denn Freunde mögen es gar nicht, wenn man ihren Unterhaltungswert in fein abgestuften Ranglisten tiefer platziert. Da sagt man lieber zu, auch wenn einem das nicht zusagt.
Auch dies ein Fehler. Denn sehr weit vorausplanende Menschen feiern immer sehr verantwortungsvoll und bedrückend rauscharm, nicht zuletzt wegen der anwesenden Kinder, die Silvester vor Mitternacht ins Bett zu schicken ja heutzutage als meldepflichtige Gewalttat gehandelt wird. Es gibt dann also Bowle mit weniger Alkohol als in Erfrischungstüchern und Höhepunkte wie Luftschlangenausblasen und Tischfeuerwerke, die – nach einem Moment fahler Hoffnung – Winni-Puh-Puzzles aushusten. Punkt zwölf ein Sektchen, und dann drücken sich alle herzlich. Dazu hat meine Mutter mich aber nicht unter Schmerzen geboren...

Es ist zum Weinen (Leseprobe aus Heft 11/2007): Beiläufigkeit ist ja eine meiner großen Schwächen. Das liegt daran, dass ich es immer kaum erwarten kann, so nebenbei eine kriegsentscheidende Bemerkung fallen zu lassen oder aus dem Hintergrund eine Frage zu stellen, nach der sich alle anwesenden Nobelpreisträger mit offenem Mund umdrehen und ganz hippelig werden. "Ist alles okay, Papa?", sagte denn auch der Kronsohn beim Frühstück, nachdem ich ihn eine Viertelstunde beim Kaffeebrühen, Brötchenschmieren und Zeitunglesen unablässig mit verkniffenen Augen angeblitzt hatte. "Habt ihr eigentlich schon die große Mathematikarbeit zurückbekommen?", fragte ich scheinbar in mich gekehrt, während ich sehr betont so ganz nebenbei dick Leberwurst auf das Croissant schmierte.
"Die Mathematikarbeit? "Ächzend und quietschend begann der Hirnapparat des Pubertisten loszuwalzen. "Wurde nicht gewertet. Weil ... (Ratter. Dampf. Zisch.) ... unser Lehrer, er hat was verschüttet auf die Arbeiten. Beim Korrigieren. Wein hat er verschüttet. Er trinkt immer Wein beim Korrigieren, und der ist umgekippt. Hat alles verschmiert."
Ich nahm, während ich aus dem Fenster schaute, als sei nichts gewesen, einen genießerischen Schluck aus der Kaffeetasse, die sich allerdings als das Sahnekännchen erwies, und knobelte: "Das muss aber viel Wein gewesen sein. Bei 28 Schülern." - " Ja, es war .. ein Weinfass. Er trinkt immer aus einem Weinfass auf seinem Schreibtisch. Er ist ja schon sehr lange Lehrer. Da entwickelt sich so was." Der Rest ging in einem kakophonischen Wutanfall meinerseits unter, in dem peinliche Benotungsdetails aus meinem jüngsten Lehrertreffen und heiser gebrüllte Forderungen nach Aufrichtigkeit, unverbrüchlicher Treue und eisernem, übermenschlichem Lernwillen (welcher nicht zuletzt das weltbekannte Hauptcharakteristikum seines Vaters wäre) ein unauflösliches Amalgam bildeten.
"Was soll nur aus ihm werden?", klagte ich meinem Weib im Doppelbett den wahren Grund meines Zorns. "Er lügt so schlecht. Viel zu kompliziert und unwahrscheinlich. Er macht auch zu viele Pausen." Menschen, die nicht richtig lügen können, haben es sehr schwer im Leben. Jemanden Lästigen oder auch nur Unpassenden mit einer befriedigenden und plausiblen Lüge abspeisen zu können ist eine der wichtigsten Zivilisationstechniken überhaupt. Man muss länger arbeiten, alle Termine einhalten und sich dauernd mit doofen Bekannten treffen, wenn man nicht lügen kann. Ja, souveräne Lebensgestaltung ist nahezu unmöglich, wenn man nicht aus dem Stand heimische Wasserrohre gebrochen oder über Nacht Autobatterien entleert sein lassen kann.
"Was war ich für ein fantastischer Lügner!", himmelte ich mich an. "Wie oft war meine Oma schwer krank, und viermal hab ich sie sogar sterben lassen, nur, um es noch echter wirken zu lassen. Aber hat sich leider nicht vererbt." "Und lügst du heute auch noch?", zog meine Frau ihre Bettdecke unters Kinn ...

Helle Freude (Lesprobe aus Heft 10/2007): Ich sehe für mein Alter noch ziemlich gut aus, und wenn Sie mich lässig die Straße herunterschlendern sehen, würden sie nicht im Traum darauf kommen, dass ich ein Krüppel bin. Es ist aber so. Werfen Sie mir doch mal, falls Sie mich tatsächlich lässig die Straßen herunterschlendern sehen, probeweise eine Münze, einen Schlüssel oder von mir aus auch einen Sack Kartoffeln zu. Sie werden Ihre helle Freude haben. Ich bin nämlich ein Fangkrüppel. Meine Hand-Augen-Koordination im Bereich der Schnellgeschicklichkeit ist eines Hominiden unwürdig. Ebenso gut könnte man einem Gürteltier was zuwerfen. Ich kann auch keine Gummibärchen mit dem Mund auffangen. Kai-Uwe aus der B-Klasse konnte hochgeworfene Gummibärchen mit dem Mund auffangen. Er konnte sie sogar aus der Armbeuge hochschnipsen und dann mit dem Mund auffangen. Als wäre das nicht schon spektakulär genug, warf er sie auch noch hinter seinem Rücken hoch und schnappte sie einfach so aus der Luft.
Es war so cool. Er war dann auch bald mit Hendrikje zusammen, die schon richtig was unterm Pulli hatte. Ich war zwar besser im Hockstrecksprüngemachen, trotzdem sagte mir mein Gefühl irgendwie, dass es Hendrikje nicht annähernd so anheizen würde, wenn ich dagegenhielte: Ganz nett das mit dem Gummibärchen, mein liebes Kai-Üwchen, aber mach mir mal jetzt diese 20 sauberen Hockstrecksprünge nach!
Doch ich will mich nicht beklagen. Mit der Ausnahme des Teambildungsseminars, wo sich jeder von einem Tisch rücklings in die Kollegen fallen lassen sollten, um Vertrauen zu erlernen, hat mein Handicap noch nie jemanden geschadet. Aber dann schwirrte eines Abends dieses Insekt provozierend über meinem Essen. Ich schlug die Hände zusammen und - es lag platt auf meiner Handfläche. "Volltreffer!", entfuhr es mir pubertös.

Mein Leben als Film (Leseprobe aus Heft 9/2007): Ich streite selten mit meiner Frau. Und schon gar nicht gegen Abend hin, weil meine Frau sonst beim Zubettgehen frostigerweise so tut, als müsse sie auf Grund einer irrtümlichen Hotelzimmerdoppelbuchung die Nacht neben mir verbringen. Aber wie auch immer, ich hatte mich mit meiner Frau gestritten. Es war nicht einmal eine besonders fundamentale Auseinandersetzung. Es ging darum, ob ich einmal bei einem Waldspaziergang angesichts eines plötzlichen Eichelhäher-Krächzens vor lauter Angst zusammengezuckt sei, wie meine Frau behauptete, oder vorsichtshalber in eine kreuzgefährliche asiatische Zweikampfausgangsstellung gefallen sei, wie sich der einzige Sohn meiner Mutter noch genau erinnern konnte. Da meine Frau aber nicht davon ablassen wollte, mir eine memmenhafte Schreckhaftigkeit anzulästern, und die Gefahr bestand, dass sie bei nächsten Geselligkeiten die Gäste ermahnen würde, keine hektischen Bewegungen zu machen, damit ich nicht die Kirsche samt Cocktail aus dem Glas zucke, sagte ich zu ihr in einem kurzen Blackout reifer Streitkultur: "Dafür hast du eine dicke Nase!"
Nun gehören Einschätzungen zur Nasenmissgestalt von Frauen zu den am wenigsten reharmonisierenden Argumenten, und meine Frau stürzte erbost aus dem Zimmer, aus der Wohnung, aus dem Haus. Ich stürzte hinterdrein und es gelang mir, die jeweils zufliegenden Türen noch rechtzeitig aufzufangen, auch wenn ich die letzte nur noch mit dem Fuß stoppen konnte, wobei ich rechts wenigstens eine Schuhgröße einbüßte. Ich humpelte zurück und stritt noch eine halbe Stunde allein in der Küche auf und ab, probierte Finten und Spitzen an einer imaginären, nun aber völlig kleinlauten Gattin aus, bis ich was gefunden hatte, das ich ihr aufs Handy zetern konnte. "Und außerdem hast du beinahe angewachsene Ohrläppchen, meine Liebe!", rief ich insTelefon, aber das Telefon sagte nur mau zu mir: "Stefan ..."
Ich erstarrte.

Züchtigungsphantasien (Leseprobe aus Heft 7+8/2007): Ich war auch nicht der mit dem Aufessen. Niemand weiß bis heute, dass Omas Alpenveilchen nur deshalb eingegangen sind, weil ich drei gehäufte Löffel Sauerkraut im Blumentopf vergraben habe. Aber in Notwehr. Ich sollte am Tisch sitzen bleiben, bis der Teller leer ist und es war absolut nichts anderes in Reichweite, als sich die Ahnin ahnungslos zum Geschirrspülen abwandte. "Der Herr kann nämlich, wenn er nur will", sprach die Großmutter beim Abräumen, und ich nickte im Vollbewußtsein meines gärtnerischen Könnens, denn der Blumentopf sah echt aus wie vorher. Meine Oma sprach mich immer mit "der Herr" an, was ich als Kind fälschlich für den natürlichen Respekt einer dienstbaren Kreatur hielt. ("Der Herr kann jetzt seine Hose wieder anziehen. Ich hab ihm zwei Herzen auf die kaputten Knie gebügelt!")
Diesmal aber würde ich wahrscheinlich der Unterlegene sein. Das Essverhalten der Tochter stand zur Korrektur an. Ich musste mein Herz verschließen.


Ego-Schrubber (Leseprobe aus Heft 6/2007): "Eine Studie hat ergeben, dass die Beteiligung der Männer am Haushalt mit zunehmendem Alter zunehmend abnimmt", sagte meine Frau über die Zeitung gebeugt und leckte sich befriedigt den Latteschaum vom Oberlippenflaum. "Ich hab dich gerade nicht verstanden", antwortete ich im Geklapper des Spülmaschinenausräumens. "Die Männer werden im Alter immer fauler", rief sie laut "und zwar durch die Bank weg, mein Lieber! Gleichgültig, welcher Konfession oder Weltanschauung oder ...", meine Frau pausierte kurz, "... Größe!"
Da ich meine ganze verbale Intelligenz an diesem Morgen schon am Kronsohn verausgabt hatte, um ihn zu einer schnöden Haarwäsche zu überreden, hmmmmmte ich erst mal nur tischwischend unbestimmt vor mich hin und sperrte dann den muffelnden Wischlappen für drei Minuten in die Mikrowelle, der - kling! O Wunder! - geruchsfrei wieder hervorkam. Doch meine Frau suchte die Anteilnahme. "Das erzähl ich gleich der Dinkelkeksin!", rief sie fröhlich und legte die Beine hoch, damit ich besser ausfegen konnte.

Schwebeteile (Leseprobe aus Heft 5/2007: Ich geh nicht gern zum Arzt. Bei mir könnense immer nix finden, sogar wenn ich alle Syptome beisammen habe, und fürs Ausgelachtwerden muss ich nicht zehn Euro bezahlen. Außerdem ist mein Arzt Vorsorgefanatiker und versucht selbst bei sowas wie eingewachsenen Zehennägeln die Überweisungsmasche ("und bei der Gelegenheit machen wir gleich mal eine Darmspiegelung mit, was? ...) Insofern erwartete ich eher eine großräumige Prostataabtastung als den Prick-Test, mit dem mir der Arm perforiert wurde.
"Sie sind Allergiker", sagte der Doktor später frohgelaunt über den Befund. "Ihr Immunsystem reagiert über. Daher der Schnupfen." "Unmöglich!", schnaubte ich entsetzt und sprang auf. "Ich sagte, Ihr Immunsystem reagiert über, nicht Ihr Nervensystem!", wies mich der Doktor zurecht, und ich versank verschnupft auf den Stuhl zurück.
Das mir! Das Einzige, wogegen ich bisher allergisch war, waren doch Allergiker selbst. Dünnarmige Heilpädagogen und Klarinettistinnen, die noch bei Mutti wohnen und die bei jedem Parkspaziergang alle zwei Minuten trocken ins Taschentusch trompeten. Natürlich darf ein Mann auch mal eine geschwollene Nase haben, aber nur, wenn hinter ihm ein Dutzend niedergeschlagen wirkender Türsteher den Weg zum Tanzlokal freigegeben haben, aber nicht wegen Schwebeteilchen im PPM-Bereich.
Hinzu kommt: Ich bin im rauen Osten geboren, wo Luftholen noch richtig Arbeit war, und war von Kindesbeinen gewöhnt, ohne zu mäkeln alles einzuatmen, was auf den Tisch kam. "Aber ich war doch früher nie allergisch", trotzte ich noch, doch der Doktor legte nur seine Fingerspitzen gegeneinander und sprach: "Dann habe Sie bisher noch nie in der Nähe von Schwarzerlenpollen gelebt."
Tja, ich bin also der Stefan, und ich bin schwarzerlenpollenallergisch. Da haben ja die Leute vor Langeweile schon das Zimmer verlassen, bevor man seine Allergie richtig ausgesprochen hat!

Operation Kind (Leseprobe aus Heft 4/2007): "Die sollen doch einfach nur die Schnauze halten", brüllt die Trollprinzessin von fern. Gut, in abgebrühten Journalistenfamilien ist der Ton oft rauh ("Kinder, der Papi muss den Großbrand mit den sieben Toten noch auf Zweidreissig für die Achtzehn-Uhr-Sendung runterbrechen, aber dann können wir ins Spaßbad!"), doch es gibt Grenzen. Ich schaue ins Wohnzimmer, da lungert meine Tochter entspannt auf dem Fernsehsessel herum, deutet mit dem krümelnden Rosinenbrötchen auf den Bildschirm und erklärt ungerührt kauend: "Der kriegt jetzt was aufs Maul."
Das ist dann doch zuviel.
Ich eile zum Gerät, um die Seele meines Kindes zu retten. Doch das Kind springt mir ans Bein und barmt: "Nur noch die eine Operation, bitte, bitte, bitte!" Ich schaue aufs Fernsehbild. Quälend langsam schneidet der Veterinärchirurg der Bulldogge mit der offenbar nur unter großen Schwierigkeiten aufgesetzten Narkosehaube die Geschwulst heraus, und ich überlege, ob dies nicht der rechte Zeitpunkt für die Gründung einer Selbsthilfegruppe "Ganz normale Eltern total wunderlicher Kinder e.V." ist.

<- zurück
 
 
Ausgabe 12/2007 ab sofort an Ihrem Kiosk  
  Im Dezember-MAGAZIN geht es um »gutes Benehmen«. Immer wieder gern diskutiert: die Frage der richtigen Begrüßung. Wie hätten Sie's gern?  
   
  Küsschen links & rechts  
  saloppes »Hallo«  
  Handschlag  
  »Give me five«